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Ich bin gern allein zu Hause.

Ich laufe durch die Wohnung, trinke Kaffee, rauch mir eine und brülle durchaus auch mal rum, wenn ein Gedanke mich stark bewegt.

Es stört keinen. So ist es recht.

Mache ich eine Tür auf oder ein Fenster zu, dann bleiben sie so, bis ich es ändere. Verlege ich meine Brille, dann verlässt sie ihren Platz auf keinen Fall. Recht so. Das ist sehr wichtig für mich. Ich finde die Brille schon wieder.

Ich bin eine mittelalte taubblinde Person (=TBL, geschlechtsneutral). Taubblind heißt nicht, dass alles still und schwarz ist. Hör- und Sehrest schleichen sich langsam davon und wie viele andere TBL muss ich mit sich ständig verändernder Wahrnehmung zurechtkommen. So kann ich an einem Tag noch Farben sehen (keine Formen, keine Abstände) am anderen Tag ist es nur Schneegestöber. An einem Tag verstehe ich dank ausgefeilter Technik Podcast Nachrichten, am anderen kriege ich noch nicht einmal mit, dass jemand spricht. Musik ist Krach für mich. Alles nicht einfach, aber zu Hause eher kein Problem.

Ich denke, es ist jetzt verständlich, warum Fremde in meiner Wohnung nicht willkommen sind.

Es gibt Dinge, die ich nicht allein erledigen kann: Aus der Wohnung gehen, aufräumen, telefonieren, einkaufen, Äußerungen von Fremden einordnen und verstehen um nur einige zu nennen. Dafür brauche ich Taubblindenassistenz (= TBA) und technische Hilfsmittel, beides in Kombination.

Seit einigen Jahren arbeite ich mit einem Team aus 3 bis 4 TBAs zusammen. Es gibt eine geringe Fluktuation, die durch die Teamstruktur gut aufgefangen wird.

Mein Medium ist die Schriftsprache. Einfachere Inhalte kann ich, wenn ich nicht zu aufgeregt bin, akustisch von meinen TBAs empfangen (gesprochene Sprache, auch Lautsprache genannt). Hier kommt möglichst einfache Sprache zum Einsatz. Wenn die Öhrchen oder die Signalverarbeitung im Gehirn mal wieder streiken, geht oft noch was mit Schriftsprache. Das kann ein getippter Text sein, oder auch in die linke Handfläche geschriebene Großbuchstaben.

Wenn ich nicht zu Hause oder schon sehr aufgeregt bin, herrscht in meiner Wahrnehmung das blanke Chaos: Undefinierbare Geräusche, Lichtblitze, Schatten, plötzlich auftauchende Silhouetten, unerwartete Berührungen - die Liste ist endlos.

Verlasse ich das Haus, beginnt die Aufregungs-Uhr zu ticken. Allein schon davon zu schreiben versetzt mich in Unruhe, aber da will ich jetzt durch.

Das beste an den TBAs ist, dass sie das wissen. Und noch viel besser: Sie bewahren mich nicht davor. Keine Mutti, kein Pappi. Selbst ist die Frau, und das sehr gern.

Das mag jetzt widersinnig erscheinen, aber das letzte, was ich möchte, ist, dass jemand etwas für mich (= an meiner Stelle) tut, was ich auch selbst erledigen kann. Ich möchte meinen Weg gehen und wir ermitteln gemeinsam, wie das wohl am besten erreicht werden kann und an welchen Punkten ich Unterstützung brauche.

Wie geht das?

Mit der stark veränderlichen Wahrnehmung und möglichen Stresseinflüssen wandeln sich auch die Aufgaben der TBAs. Mitunter von einem Moment zum anderen. Wann was richtig und notwendig ist, wann auch mal abgebrochen werden muss, kann ich nicht immer mitteilen. Die TBAs brauchen sehr viel Einfühlungsvermögen und professionelles Können an der Schnittstelle zwischen TBL und dem "Rest der Welt".

Ich möchte mit einem Aufruf schließen:

Bitte unterstützt TBL und TBA! Wir brauchen

Vielen Dank für euer/Ihr Interesse!

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