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Behinderung = Leiden?

In vielen medialen Texten wird behauptet: Eine Person leidet an dieser oder jener Behinderung.

Um persönliche Leidensgefühle geht es dort nicht. Was soll tatsächlich ausgedrückt werden?

Es gibt eine lebhafte Diskussion, ob man das Wort "Leiden" im Zusammenhang mit der Darstellung einer Person mit Behinderung verwenden darf oder nicht. Die Standpunkte reichen von "ist eine übliche Formulierung" bis "Behinderung und Leiden werden (so) in einem negativen Zusammenhang dargestellt".

"Behinderte" sind ebenso unterschiedlich wie "Nichtbehinderte", die Bezeichnung "Behinderte" ist daher eine Gruppen­zuweisung, die nichts klärt und nichts bewirkt, wenn man sie auf eine bestimmte Person anwendet.

Von gleicher Wertigkeit ist der Ausdruck "leidet an/unter". Mir scheint, es geht hier simpel und einfach um einen ersten Satz, der das Thema benennt: Behinderung und daraus resultierendes Leiden. Dann ist aber der folgende Artikel oft eine glatte Thema­verfehlung, weil eine Person dargestellt wird und keineswegs Behinderungen/Leiden.

Wie kann man diesen Schwafel (= herkömmliche Formulierung mit rein formaler Ausrichtung) also doch noch mit Inhalt füllen?

Ich nehme mein Beispiel:

Ich habe eine Behinderung. Während des "Erwerbs" und in schlechten Lebensphasen leide ich sehr darunter. Das darunter Leiden ist ein zutiefst persönlicher, intimer Vorgang. Darüber spreche ich ausschließlich mit ausgewählten Personen meines Vertrauens und nur, wenn ich es für nötig halte.

Dann gibt es Phasen der "Einrichtung im neuen Leben". Während dieser Zeit versuche ich mich an die neuen Lebens­bedingungen besser anzupassen. Dies ist auch ein leidvoller Vorgang. Wesentlich wichtiger als das Leiden ist aber das Vorwärtskommen: Kleine Autonomien, wieder behinderungs­unabhängige Gedanken entwickeln, usw.

Die Formulierung "Leiden unter Behinderung" bringt das Leiden in den Vordergrund. Da hat es nichts zu suchen. Es ist ein Vorgang, kein Zustand.

Leidensphasen können Werkzeug für ein besser angepasstes "Leben mit Behinderung" sein: Wieder teilhaben, die neuen Grenzen annehmen und was sich nur als Grenze darstellt überwinden, sich in anderer Weise als früher auf Hilfe einlassen (statt müssen - wollen).

Für Freunde klarer Worte: Wenn Du auf die Schnauze fällst, aufstehen. Mit Sofa­lehnen, Tränen, Wutausbrüchen, oder was sonst hilft, aber auf jeden Fall aufstehen.

Ich empfinde es als übergriffig, wenn statt von mir von meinem Leiden unter einer Behinderung gesprochen wird: Öffentlich, von mir unbekannten Personen mit weitaus größerer gesellschaftlicher Reichweite und Wirksamkeit, als ich sie je erreichen kann. Ich habe keine persönliche Beziehung zu Journalisten, Politikern, wohlmeinenden, persönlich aber unbekannten "Unterstützern", Leuten auf der Straße oder in Fernseh­diskussionen.

Ich lasse mich schließlich auch nicht öffentlich über deren Privatleben aus.

Als einleitender Satz ist es einfach eine schlampige Formulierung, die Personen(gruppen) Stempel aufdrückt: Behindert? Achja, leidet und wird angesehen als (= ist?) "imperfekt".

Waren Journalisten nicht diejenigen, deren Arbeitswerkzeug Sprache ist?

Sprache, nicht Schwafel!

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