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Faszination Führhund?

Zu dieser Überschrift fällt mir nur der "nette Passant" ein, der mir sagte: "Ich finde es toll, was man diesen Hunden alles beibringen kann und wie Sie das schaffen!"

Ich war auf einem großen Platz (Alter Markt, Wuppertal). Dieser Platz ist blindentechnisch völlig unstrukturiert aber dafür mit jeder Menge Ablenkung für den Hund (andere Hunde, z. T. unerzogen und ohne Leine, spielende Kinder, Bushaltestellen, Essensgerüche, Parkbänke, Geschäfte, Durchgänge, Riesenlärm vom den Platz umspülenden Autoverkehr, ein wahres Eldorado an Ablenkungen). Ich wusste genau, wo ich hin wollte und ich wusste auch, dass der Weg für den Hund nicht einfach ist. Gleiches gilt für mich.

Wir liefen also in zackigem Tempo über den Platz in der Hoffnung, der Schwung würde uns ablenkungsfrei bis zur gegenüber­liegenden Häuserwand tragen. Dann Konzentration, um den richtigen Eingang zu wählen und Navigation in einem komplexen, sich ständig ändernden Innenbereich. So kommt man ans Ziel.

Jetzt der nette Passant, also bremsen, Füße einfrieren, damit die Richtung später wieder stimmt. Aufklärungsarbeit, machte ich ja gern.

Ich bat ihn, deutlicher zu sprechen, da ich auch schwerhörig sei. Die übliche Anbetung, dass ich mich trotzdem aus dem Haus traue. Bericht über die Schönheit meines Hundes. Keine Frage, für mich (als Nichtsehende), war mein Hund sehr schön. Sicher war er auch für Sehende schön, aber wichtig war er mir aus völlig anderen Gründen. Schönheit ist ein Nebeneffekt, der vor der tatsächlichen Aufgabe, unfallfrei bis zum Ziel zu kommen und das in einer angemessenen Zeit, keinerlei Bedeutung hat.

Er sagte mir, dass er das nie schaffen würde. Ich sagte ihm, dass er ja auch kein Mobilitätstraining, keine Ausbildung in der Richtung hätte. Er könne darauf vertrauen, wenn er in eine ähnliche Lage käme, könne auch er lernen, was man braucht um klarzukommen.

Das war falsch. Als nächstes hörte ich nämlich, dass er sich in meiner Lage sofort umbringen würde. Das habe ich mir in verschiedenen Varianten dann noch einige Augenblicke angehört und habe ihn, als er sich der Vorstellung von der Selbsttötung vollends ergab, stehen lassen. Mittlerweile war ich aber so aufgeregt und aufgebracht, dass ich meinen Hund irritierte. Jetzt kam der Teil, der wirklich bewundernswert war: Mein Hund hat mich genau da abgeliefert, wo ich hinwollte. Mein Beitrag war nicht halb so gut.

Was steckt hinter dieser abstrakten Anerkennung meiner und meines Hundes Leistung? Es ist doch fast immer das Grauen, und die Hoffnung, selbst nie in eine solche Lage zu kommen oder - noch schlimmer - Mitleid, wo es wirklich nicht angebracht ist! Ich will nämlich diesen Platz überqueren und keine Lobeshymnen auf unveränderbare Lebensumstände und meine Reaktion darauf hören! Ja ich habe eine Behinderung, aber dahinter steht ein ganzer Mensch und nicht nur die Super-Blinde, dich ich, im Übrigen, überhaupt nicht bin.

Was wünsche ich mir statt der Wahrnehmung als Behinderte mit einem Hilfsmittel mit Seele?

Ich bin ganz nebenbei noch eine mittelalte Frau mit

Und ich glaube, dass sich Schuhmacher auf der Rennstrecke nicht über die schöne rote Farbe von seinem Auto unterhalten will! Auf der Rennstrecke WILL DER FAHREN! So wie ich: Ich will mein Ziel erreichen!

Oder wenn ich mich mit einem Skirennläufer unterhalte, sage ich ihm auch nicht, dass er aber souverän in seinen Skiern steht während er versucht, möglichst gekonnt den Abhang hinunter zu fahren!

Ich will also weg von der ausschließlich emotionalen Rezeption hin zu einer üblichen Rezeption als Mensch. Ich glaube, niemand außer den offensichtlich Behinderten muss sich so ein unqualifiziertes Gequatsche anhören. Oder würden Sie Maggie Thatcher bei der ersten Begegnung zu ihren tollen Schuhen gratulieren??? Und erwarten, dass Sie ihnen erklärt, wie sie damit einen Fuß vor den anderen setzt???

Denken tut nicht weh!

Viele Grüße, Mina