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Taubblindheit und Führhund

1. Von wem spreche ich?

Es gibt Taubblinde mit und ohne Sehrest, mit und ohne Hörrest. In dem Begriff Taubblinde sind die Leute mit Hör- und/oder Sehrest mit genannt. Viele von uns sind von Geburt an gehörlos oder hochgradig schwerhörig und haben die Sehminderung bis hin zur Blindheit nach und nach erworben. Es bestehen intensive Kontakte zu den GL (gehörlosen) und SH (schwerhörigen) Selbsthilfegruppen.

Kommunikation unterschiedlich

Ein großer Teil von uns ist mit Gebärdensprache aufgewachsen, die deutsche Sprache wurde wie eine Fremdsprache die man nie gehört hat erlernt. Die taktile Gebärdensprache ist mit der "normalen" Gebärdensprache verwandt. Wer diese "nur" nicht mehr sehen kann, kann - bei entsprechendem Umfeld - taktil gebärden.

Wer von klein auf die deutsche Sprache verwendet hat ist nach dem Sehverlust auf das Lormen angewiesen. Gelormte Botschaften in deutscher Sprache verstehen zu lernen ist ähnlich schwierig wie Punktschrift lesen zu lernen, wobei aber jeder etwas anders "schreibt" als der Nächste.

Daraus folgt: Schon der Kontakt untereinander erfordert Assistenten, die den gewünschten Gesprächspartner mit uns aufsuchen und dann übersetzen können.

Besondere Bedeutung des Sehens und des Sehverlustes als zusätzliche Kommunikations- und Orientierungseinschränkung

Für taubblinde Leute steht die Erhaltung der Kommunikationsfähigkeit auf gleicher Höhe wie die Erhaltung der Mobilität, ohne Kommunikation kein Mob Training, als Beispiel. Es ist naheliegend, dass Kommunikation und Mobilität besonders trainiert werden müssen, angepasst an das jeweilige Stadium des Verlustes. Da man Hörbehinderung aber nicht sieht, ist Kostenträgern, aber auch vielen Freunden und Verwandten nicht klar, wie dringend hier frühzeitig gehandelt werden muss. Oft wird einfach personalisiert ("Der oder die ist aber auch komisch!"). Taubblind zu sein ist keine Charaktereigenschaft!

Taubblindheit, eine Behinderung eigener Art

Taubblind zu sein bedeutet, sich öffnen zu müssen: Man hört niemanden kommen, man muss ihn spüren. Uns zu fragen, ob man anfassen darf, ist mehr oder weniger sinnlos. Taubblinde müssen sich lockern und lösen, um spüren zu können. Gerade das ist aber sehr schwer, wenn man ständig von den Ereignissen "überrollt" wird, weil alle anderen sich untereinander schneller mitteilen können. Oder weil sie beim Sprechen schreien um besser verstanden zu werden - ein Irrglaube! Bei uns kommt Wut an, nicht das geschrieene Wort. Taubblindheit ist eine Behinderung eigener Art!

2. Der Führhund als Hilfsmittel für taubblinde Menschen

Aufgaben des Führhundes

Neben dem Blindenstock gibt es auch die Mobilitätshilfe Blindenführhund. Er bringt uns sicher zum Einkaufen, zum Schwimmengehen, zum Arzt usw., soweit keine Straßen zu überqueren sind. Am Ziel müssen wir dann unsere Kommunikation gestalten (technische Hilfsmittel, Assistenz, bewusst keine Freunde und Verwandten, denn wer möchte schon über seine Intimsphäre mithilfe dieses Personenkreises sprechen?). Wir müssen frühzeitig anfangen, sichere Wege auf sichere Art zu begehen, bevor der letzte Sehrest und der letzte Hörrest fort ist um einerseits keine unnötigen Sicherheitsrisiken einzugehen und andererseits nicht in völlige Abhängigkeit zu geraten und zu Hause zu sitzen.

Aufgaben als Kommunikationshelfer

Der Führhund gibt uns durch sein normales Verhalten Aufschluss über unsere Umwelt. Er hilft uns beim Spaziergang einfach dadurch, dass er da ist. Die Frage, wie das kommt, soll in einem anderen Aufsatz beschrieben werden.

Der Hund fördert das Interesse der sehenden Umwelt, so dass "plötzlich" der Wald voller Menschen ist, die sich für den Hund interessieren und so ihre Scheu und damit Nichtwahrnehmbarkeit überwinden. Der Rest ist eine Sache der Übung und des Dranbleibens.

Nicht zuletzt: Ein Hund weiß, wo sein Fressnapf steht. Sollte man sich also verirren hilft nur anleinen oder einschirren. Eine Sache der Übung.

Weitere Aufgaben

Der wichtigste Punkt ist, dass man sich - wie mit dem Blindenstock - allein fortbewegen kann. Der Hund bietet hier noch den Vorteil, dass man sich irren darf. Mithilfe von Nahzielen, die ein Hund ja ohne festen Startpunkt ansteuern kann, kommt man wieder auf den richtigen Weg.

Bedeutung des Hilfsmittels Führhund für die Selbständigkeit des taubblinden Menschen

Selbständigkeit erhalten statt mühsam wieder erwerben! Wir können wie in einem Netz, die Dinge, die im Verlauf der Erblindung /zunehmenden Schwerhörigkeit verloren gehen nach und nach kompensieren, denn der Blindenführhund ist ein dynamisches, lernfähiges Hilfsmittel, er ist eben ein Lebewesen. Die Angst, die sich aus den Verlusten ergibt, wird dadurch gemildert, dass wir unaufhörlich spazieren gehen müssen, denn ein Hund braucht täglichen Auslauf und tägliche Arbeit im Geschirr. Dem Hund ist egal, wie gut wir hören oder sehen, Hauptsache, der Spaß geht nicht verloren. Da der Hund sich mitteilen will (so wie wir auch!), finden sich Wege der gegenseitigen Sprache, denn - auch wenn man es nicht glaubt! - das Leben findet seinen Weg. Weiteres im oben angekündigten weiteren Aufsatz.

3. Anforderungen an die Bewilligungspraxis

Standardausbildung zu wenig flexibel

Der Prüfungsstandard für Gespannprüfungen enthält viele Elemente, die aufgrund unserer Behinderung in der Praxis nicht zur Anwendung kommen werden. Als Beispiel dienen hier wieder die mehrmals zitierten Straßenüberquerungen. Als zusätzliche Aufgabe kommt hinzu, dass der Hund ja auch zum Herstellen von Kommunikation genutzt wird. Man kann also sagen: Die Anwendung des Führhundes verschiebt sich von der reinen Mobilitätshilfe zur Mobilitäts- und Kommunikationshilfe. Besser als die Standardprüfung ist hier der Bezug auf die zwischen Führhundschule und Taubblindem schriftlichen Vereinbarungen (davon wird weiter unten die Rede sein), was der Taubblinde braucht und was der Hund erlernen kann.

Standardpreis der Behinderungsart nicht angemessen

Es ergibt sich nun, dass es natürlich eigene Vereinbarungen geben muss, was den Preis für den ausgebildeten Hund angeht. Eine Sache, gegen die sich die Krankenkassen schon heute über Vertragsvereinbarungen erfolgreich wehren.

Das von der Fachgruppe Tbl im DBSV angestrebte eigene Merkzeichen für den Schwerbehindertenausweis ist für eine auf die Bedürfnisse der Taubblinden ausgerichtete Preisgestaltung (und damit Ausbildungs- und Einarbeitsgestaltung!) ein wichtiger Schritt.

4. Anforderungen an die Führhundschulen

Mut zur Langsamkeit!

Diesen Punkt stelle ich bewusst voran, denn für gutes Verstehen ist Schnelligkeit tödlich. Da die Anzahl der Worte pro Minute gering sein muss, um nicht nur gehört sondern auch verstanden zu werden, lernt der Ausbilder, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Prinzipiell gilt: Kommunizieren oder handeln. Diese Bereiche müssen getrennt werden.

Sprachen: Lormen, taktil Gebärden

Wir müssen leider davon ausgehen, dass unsere Kommunikationsformen in der Regel nicht im ausreichenden Maße beherrscht werden. Es ist dringend erforderlich, einen Assistenten zur Einarbeit mitzubringen.

Erreichbarkeit ohne Telefon!

Dieser Punkt ist ein absolutes Muss. Wir brauchen einen Weg zum Ausbilder, der direkt gehen muss, ohne Assistenz. Für gesundheitliche Fragen sollte ein örtlicher Tierarzt ebenfalls ohne Telefon erreichbar sein.

Erfassung des Hilfebedarfs beim Kunden (Taubblinde selbst)

Wir brauchen Aufklärung und Information, was ein Führhund leisten kann und was nicht. Für uns sind die Dinge, die man mithilfe des Hundes erreichen kann, in der Regel einfach nicht vorstellbar. Die Ausbildung des Hundes muss sich - neben dem Standard (Minus Straßenüberquerungen usw.) - nach den Bedürfnissen des einzelnen Taubblinden richten. Das "Vorgespräch" hat also eine viel weitergehende Bedeutung als üblicherweise. Die Ergebnisse müssen für beide verbindlich schriftlich festgelegt werden.

Orientierung und Mobilität: Was ist für Taubblinde wichtig und was möchte man lernen?

Das O & M Training ist Grundvoraussetzung für jede Mobilität. Kein Führhund ohne O & M abgeschlossen zu haben. Man hat dann auch eher einen Überblick, was wieder möglich ist. Einige sagen, dass das Training reicht und sie keinen Führhund mehr brauchen.

Will man danach immer noch einen Führhund, sollte man sich ganz genau überlegen, was der Hund machen soll. Dann ist die Zeit gekommen, eine Führhundschule auszusuchen und mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Jährliche Auffrischungskurse

Wer einen Führhund hat, wird schnell merken, dass sich manche Sachen einschleichen, die man so nicht will oder die am Anfang besser waren. Sei es, dass der Hund nicht kommt, wenn er soll, sei es dass er eifersüchtig wird. Die normale Nacharbeit reicht hier nicht aus. Vielmehr sollte die Auffrischung für den Taubblinden und den Hund eine regelmäßige Einrichtung sein.

5. Für alle diejenigen, die glauben, dass Taubblindheit und Hundehaltung unvereinbar sind...

...meine eigene Geschichte:

Mitte der 90er Jahre wurde ich schwerhörig, 1998 wurde ich gesetzlich blind. Seit Januar 2009 bin ich an Taubheit grenzend schwerhörig.

Mein erster Führhund ist vor 1,5 Jahren verstorben, da war ich noch mittel- bis hochgradig schwerhörig. Da es einfach nicht mit einem neuen Führhund klappte, habe ich schließlich einen Patenhund in meine Obhut genommen, denn ohne Hund kann ich nicht in dem benachbarten Wald spazieren gehen. Wie andere vor dem Fernseher oder beim Lesen, so entspanne ich im Wald. Ich kenne dort alle Wege, jeden Ast und jeden Strauch (auch wenn der Sturm Kyrill die Lage zwischendurch etwas unübersichtlich machte!). Der Hund kam mit einem sehr guten Grundgehorsam und mit dem Stoppen vor jedem Bordstein. Er war cirka ½ Jahre alt. Für die Eigensicherung war ich also allein verantwortlich. Das war ein sehr gutes Training, denn mein früherer Führhund und ich waren ein so gut eingespieltes Team, dass ich auf so etwas nicht mehr achten musste, wenn er im Geschirr ging. Mein Patenhund durfte natürlich nicht ins Geschirr. Das ist Sache der Schule.

Wir mussten viel lernen. Ich, dass er jung ist, er, dass dies keine Entschuldigung für mangelnden Gehorsam ist. Ich musste auch lernen, dass man vor jeder Übung erst einmal viel Denkarbeit leisten muss, damit der Hund lernt, was er lernen soll und nicht irgendetwas anderes.

In der praktischen Anwendung ergaben sich folgende Vorteile: Er merkte, wenn ich irgendein Klingeln oder Klopfen im Haus nicht mitbekam und begann es zu melden. Da er kein Kläffer ist, berührte er mich auf bestimmte Weise, so dass ich nach einiger Übung bescheid wusste und belohnen konnte.

Ich musste lernen, dass ein Schäferhund kein Schnauzer ist: Der Gehorsam kommt nach dem ersten morgendlichen Spurt durch den Wald. Er musste lernen, dass ich das Pinkeln an Häusern nicht toleriere. Er hat gelernt, dass er mir "sagen" muss, wenn er pinkeln will. Ich habe gelernt, dass es dann schnell gehen sollte.

Taubblinde haben andere Kommunikationswege. Es sollte Gegenstand eines anderen Aufsatzes sein, diesen Nachzuspüren und sie zu beschreiben.

Wichtig ist noch, dass ich benachbart eine Tierärztin habe, mit der ich mich gut verstehe. Das Personal der Praxis hilft mir, wenn es gilt, mögliche gesundheitliche Unpässlichkeiten von Erkrankungen zu unterscheiden ohne dass ich jedes Mal zur Ärztin rein muss. Sie helfen mir auch, wenn Augen- oder Ohrentropfen abgezählt verabreicht werden müssen, oder ein Verband täglich kontrolliert werden muss. Natürlich zeige ich mich hierfür erkenntlich, was die Kaffeekasse anbetrifft.

Seit vielen Jahren nehme ich regelmäßig mit meinem Führhund an einem Hundekurs teil, wo man sich auf meine Hörbehinderung eingestellt hat. Der Hundekurs wird ebenfalls von einer Tierärztin geleitet. Wir können fast alle Übungen gut mitmachen, sobald mein zukünftiger Führhund seine Ausbildung hat. Auf jeden Fall sind die Menschen- und Hundekontakte gut für uns. Ganz nebenbei erfahre ich so, was ich an meinem Hund nicht sehen kann.

Wuppertal, 13. März 2009, Marina Pompe

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