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Was bedeutet mir Robert Enke?

Welche Bedeutung hat die Einordnung als depressiv für den betroffenen Menschen?

Vorab muss ich gestehen, dass ich Herrn Enke nicht kennengelernt habe, mich aber schon für Fußball interessiere. Die Information über Herrn Enke habe ich allein durch die Medien, über sein Leben und über seinen Tod.

Fußball betrachte ich immer mit gespaltenen Gefühlen: Einerseits gefällt mir Kombinationsspiel sehr, durch die Angabe, wer zu wem spielt und das Wissen um die Stellung der einzelnen Spieler auf dem Platz kann ich durch das Spiel Räumlichkeit erfahren ohne sehen zu können, vorausgesetzt, der Moderator taugt etwas und die Möglichkeit, die Informationen über das Spiel zu empfangen, ist gegeben.

Andererseits weiß ich in jedem Augenblick, dass ich als Spielerin nicht in Betracht komme. Hier meine ich nicht die Taubblindheit, sondern mein Unvermögen, zu einem festgesetzten Zeitpunkt Leistung zu erbringen. Ich beobachte also etwas, das ich nicht selbst tun kann. Das ist mitunter schon schmerzlich.

Es hat mich zutiefst berührt, dass Herr Enke Leistungssportler war, der an einer depressiven Erkrankung litt. Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Arbeit habe ich Kontakt zu den Erscheinungs­formen der Krankheit. Eine depressive Erkrankung ist ein schweres Päckchen, das man durch sein Leben trägt. Ich dachte immer, dass hohe Leistungsfähigkeit durch Depressionen verhindert würde. Dies ist offensichtlich nicht so.

Herr Enke hat sich das Leben genommen. Und medial geschieht für mich ein echtes Wunder: Seine Kameraden stehen zu ihm. Sie haben eine Menge zu verlieren: Hannover 96, Leitung und Fans, Teile der Nationalmannschaft trauern offiziell. Ein katholischer Priester spricht auf Herrn Enkes Trauerfeier. Im Vordergrund der öffentlichen Trauer steht Herrn Enkes Leistung. Sie wird nicht relativiert durch seinen Tod. Niemand sagt "Der war aber auch komisch!" oder "Er hat uns nicht geliebt".

In meinen Augen wird dadurch die längst fällige Anerkennung der Depression als Krankheit deutlich. Sie ist eben keine psychische Insuffizienz, die sich in irgendwas Persönlichem begründet. Ansatzpunkte für Defizite finden sich in jedem Leben.

Gibt es aber eine depressive Erkrankung, wurde bisher der gesamte Mensch in Frage gestellt: Die Kirche verurteilt den "Selbstmörder", aber auch Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen distanzieren sich in der Regel, wenn eine depressive Erkrankung öffentlich wird.

Ich saß vor dem Fernseher und war vom Donner gerührt. Das hätte ich all diesen Fußballhelden und Geschäftsmännern nicht zugetraut. Aber - aus meiner Sicht - hat Frau Enke ihnen keine Wahl gelassen, und das ist gut so.